Der SommelAIer: Wenn die Weinberatung digital wird

Ein kleines Nebenprojekt wird zum KI-Experiment: Kann Künstliche Intelligenz eine persönliche Weinberatung ersetzen? Mit dieser Frage setzte sich ein Absolvent des CAS Artificial Intelligence an der OST – Ostschweizer Fachhochschule auseinander und entwickelte den digitalen Weinberater SommelAIer. Zwischen Effizienz, Datenpflege und Skepsis zeigt sich, was heute schon möglich ist, und was (noch) fehlt.


Autorin: Lena Graf

Am Wochenende kommen Gäste zum Essen. Es gibt Fisch vom Grill, dazu Kartoffeln und einen Salat. Doch welcher Wein soll dazu serviert werden? Und welcher edle Tropfen passt zum Geburtstagsessen kommende Woche? Die meisten Menschen sind mit der Fülle an Weinangeboten überfordert und wissen oft nicht, was ihnen schmecken würde und welcher Wein am besten zu welcher Speise passt. Oft fehlt auch die nötige Zeit, um in die nächste Weinhandlung zu gehen und sich beraten zu lassen. Was wäre, wenn wir diese Beratung nun digital erhalten würden? Unkompliziert, schnell und zu jeder Tageszeit.

Auch Martin Knobel stellte sich diese Frage und erstellte im Rahmen seiner Abschlussarbeit für den CAS Artificial Intelligence an der OST – Ostschweizer Fachhochschule zusammen mit seinem Bruder einen digitalen Weinberater: den SommelAIer. Ursprünglich war er als digitale Hotline gedacht, doch dann entwickelte er sich zu einem digitalen Chatbot, der als Sommelier fungiert. Der SommelAIer sollte nicht nur auf Anfragen reagieren, sondern aktiv Empfehlungen aussprechen, zu jeder Tageszeit und unabhängig von der Verfügbarkeit der Weine im Lager.

KI-Initiativen sind immer auch Datenprojekte

Im Kern läuft das Beratungsgespräch ähnlich wie in einer Weinhandlung ab, nur in etwas strukturierterer Form. Die Kundinnen und Kunden beantworten Fragen zu Geschmack, Anlass und dem dazu kombinierten Essen. Daraus leitet der SommelAIer konkrete Weinempfehlungen ab. Martin Knobel war es wichtig, dass die Antworten kurz und auf den Punkt gebracht sind. «Ich wollte verhindern, dass man eine riesige Menge verschiedener Weine empfohlen bekommt. Deshalb liefert der SommelAIer pro Antwort nur drei bis maximal fünf passende Vorschläge», betont der CAS-Absolvent. Ziel sei es nicht, möglichst viele Weine anzuzeigen, sondern möglichst passende vorzuschlagen. Die Empfehlungen sind neutral, es werden weder bestimmte Marken noch konkrete Weingüter bevorzugt.

«Was an unserem Chatbot allerdings einzigartig ist, dass er ebenfalls unterschiedliche Jahrgänge der Weine berücksichtigt. Dieser Aspekt geht in vielen konventionellen Online-Shops unter», sagt Martin Knobel. Technisch basiert das System auf einer angebundenen Produktdatenbank. Der Chatbot greift auf hinterlegte, verfügbare Artikel und Weinbeschreibungen zurück, um möglichst viele und vor allem verlässliche Informationen zu erhalten. Der Online-Händler wird dadurch gezwungen, seine Daten zu strukturieren, zu bereinigen und aktuell zu halten. Produkte, die nicht mehr verfügbar sind, müssen entfernt, Informationen standardisiert werden. Ein Prozess, der in einem Unternehmen gerne vernachlässigt wird. «Der Fokus lag bei uns von Anfang an auf der Datenbasis. Denn die Qualität der Beratung hängt immer direkt von der Qualität der Stammdaten ab», so Martin Knobel.

Der Fokus lag bei uns von Anfang an auf der Datenbasis. Denn die Qualität der Beratung hängt immer direkt von der Qualität der Stammdaten ab.
Martin Knobel, Absolvent CAS Artificial Intelligence

Die Verwendung des Chatbots ermöglicht ihnen auch neue Möglichkeiten. Ihre Beratungsleistungen lassen sich skalieren, ohne dass sie zusätzliche Ressourcen aufwenden müssen. Die Nutzenden erhalten jederzeit Zugriff auf ihre Informationen, ohne dass sie vor Ort oder erreichbar sein müssen. «Da wir unseren Weinshop nebenberuflich betreiben, wäre es für uns nicht möglich, täglich eine persönliche Beratung anzubieten. Durch den SommelAIer konnten wir unsere Verfügbarkeit für die Kundschaft steigern, ohne selbst mehr Stunden zu investieren», erklärt Martin Knobel.

Zwischen Skepsis und Potenzial

Die Reaktionen der Kundinnen und Kunden waren zu Beginn gemischt. Viele begegneten dem System zunächst zurückhaltend, da sie eine digitale Weinberatung zuvor nicht kannten. Doch nach den ersten positiven Erfahrungen verbesserte sich die Akzeptanz. Am meisten werde die Food-Pairing-Funktion des Chatbots genutzt. Die Kundinnen und Kunden können ihre geplanten Speisen aufführen und erhalten eine konkrete Weinempfehlung. Hier liefere der Bot klaren Mehrwert betont Martin Knobel. Mit einem Punkt tut sich der digitale Berater jedoch speziell schwer. Während im stationären Handel persönliche Beziehungen entstehen, beginnt eine Beratung durch den Chatbot immer bei null. Vertrauen muss erst aufgebaut werden, der persönliche Kontakt fehlt. «Wir haben festgestellt, dass durch diesen unpersönlichen Aspekt das Vertrauen auch schneller verloren geht. Wenn eine Weinempfehlung nicht als passend empfunden wird, steigt das Misstrauen relativ schnell», erklärt Martin Knobel.

Der SommelAIer steht exemplarisch für viele KI-Anwendungen in unserem Alltag. Er zeigt, wie Technologie Prozesse vereinfachen kann, und zwingt Unternehmen zur Auseinandersetzung mit ihren Daten. Die Technologie stösst dort an ihre Grenzen, wo Erfahrung, Intuition und persönlicher Austausch gefragt sind. Ob sich solche Systeme wie der SommelAIer künftig durchsetzen, ist offen. «Klar ist nur, dass sie bereits heute verändern, wie Beratung gedacht wird», sagt Martin Knobel abschliessend.

MAS Artificial Intelligence

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