Wie Corona die Digitalisierung an den FH befeuert



Die Covid-19-Krise hat auch die FH-Welt auf den Kopf gestellt. Wie klappt es mit dem Fernstudium, wie gehen Fachhochschulen mit dem plötzlichen digitalen Schub um? Und welche Massnahmen wurden weiter ergriffen? Nachfolgend eine Übersicht.

Digitalisierung ist bei den Fachhochschulen seit Längerem ein fixer Schwerpunkt. Die ersten Covid-19-Fälle und spätestens der Lockdown haben die Umsetzung der digitalen Massnahmen nun stark beschleunigt. Bereits vor dem Entscheid des Bundesrates vom 13. März, alle Schulen zu schliessen, hatten die meisten Fachhochschulen ihre Dozierenden auf den Fernunterricht vorbereitet und geschult. So konnten sie sicherstellen, dass die Unterlagen den Studierenden so schnell wie möglich zur Verfügung standen. Während die einen FH eine bis zwei Wochen Zeit brauchten, um alles aufzugleisen, schafften es andere sogar, das Material vom ersten Tag an zur Verfügung zu stellen. Die meisten FH nutzen dafür die Lehr- und Lernplattform Moodle.


Regelmässige Schulungen für Dozierende
«Wissen durch Lehrvideos oder Online-Vorlesungen zu vermitteln, ist nicht nur möglich, es klappt auch gut», findet Markus Hodel, Rektor der Hochschule Luzern (HSLU). Der Fernunterricht ist zum neuen Alltag geworden. Damit die Qualität so hoch wie möglich ist, bieten die meisten Fachhochschulen regelmässig Schulungen zum Thema Fernlehren an. Die Kalaidos Fachhochschule setzt auf intensive Kommunikation auf allen Kanälen, um Erfahrungen zu teilen, Einblicke zu geben und zu motivieren. Die Erkenntnisse: Der Unterricht kann digital ebenfalls interaktiv gestaltet werden und praxisorientierte Fallbehandlungen sind durchaus möglich. Trotzdem gibt es Fachbereiche, bei denen der Präsenzunterricht nicht vollends ersetzt werden kann, wie etwa Laborarbeiten, Pflegehandlungen oder künstlerische Werke.


Flexibilität bei den Prüfungen
Der erfolgreiche Semesterabschluss der Studierenden ist den Fachhochschulen ein grosses Anliegen. Die FH zeigen sich deshalb flexibel bei den Prüfungsbedingungen. Einerseits können Leistungsnachweise online zu Hause stattfinden oder verschoben werden, andererseits können nicht bestandene Modulprüfungen des Frühlingssemesters 2020 zum Teil annulliert und später nachgeholt werden. Letztere Möglichkeit gibt es beispielsweise bei der FH Graubünden (FHGR) oder der Haute école spécialisée de Suisse occidentale (HES-SO). Die Ostschweizer Fachhochschule verlängert die Abgabefristen von Arbeiten bei Studierenden mit hohem Labor- oder Praxisanteil und bei Studierenden mit Abwesenheiten wegen Militär- oder Zivilschutzdienst. Ausserdem wurden vielerorts die Prüfungsreglemente und die Rahmenbedingungen so angepasst, dass die Fortführung und der Abschluss des Studiums trotz der momentanen Situation gewährleistet werden können.


Anrechnung von Hilfeeinsätzen
Verschiedene Fachhochschulen zeigen sich solidarisch. Um die Gesellschaft zu unterstützen, besteht für Studierende der FHGR die Möglichkeit, das Engagement zugunsten von Menschen in Not in Form von Solidaritätsmodulen ans Studium anrechnen zu lassen. Die HES-SO vergibt ebenfalls ECTS-Credits für Hilfseinsätze: Denn sehr viele Studierende und Lehrkräfte wurden – freiwillig oder nicht – bereits eingespannt, um bei der Bekämpfung der gesundheitlichen Ausnahmesituation und ihrer Auswirkungen mitzuhelfen. Da die HES-SO dieses Engagement im Dienste der Gesellschaft würdigen möchte, vergibt sie ECTS-Credits als Anerkennung für Leistungen, die denjenigen des Studiums gleichgesetzt werden können. Dies ist hauptsächlich in den Fachbereichen Gesundheit und Soziale Arbeit der Fall.


Virtueller IT-Support
Alle Fachhochschulen haben eine IT-Anlaufstelle, die vor allem bei der Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht sehr rege von Mitarbeitenden und Studierenden genutzt wurde. Zum Teil haben die FH die Erreichbarkeit der Informatik-Hotline an Wochentagen verlängert und auf das Wochenende ausgedehnt. Die FHGR hat bereits vor dem Lockdown pro Studiengang zwei bis drei Studierende als «Poweruser» ausgebildet. Diese stehen ihren Kolleginnen und Kollegen bei Problemen zur Seite. Die Kalaidos sammelt Learnings, Tipps und Tricks für Livestreaming, Lernvideos, methodisch-didaktische Unterstützung und Anleitungen, um diese auf Kalaidos-Wiki zur Verfügung zu stellen. Der Teamgeist und das Engagement aller ist für die FH einer der wichtigsten Faktoren, dass die Veränderungen gut gemeistert werden konnten. Man hilft sich und unterstützt einander.
Je nach Fachbereichen, welche die FH anbietet, werden auch weiterführende Services angeboten. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften beispielsweise stellt Ratschläge von Gesundheitsfachleuten zur Verfügung und Forschende der Berner Fachhochschule (BFH) haben in Rekordzeit die «Corona Science»-App für iOS und Android entwickelt.


Anlaufstelle für Hilfe
Die meisten FH bieten den Studierenden und Dozierenden Hilfe an. Bei der FHGR gibt es beispielsweise ein Notfall-Telefon und eine Notfall-Mailadresse, wo schnell und unkompliziert Hilfe angefordert werden kann. Die HWZ (Hochschule für Wirtschaft Zürich) bietet geleitete Diskussionsforen an und die BFH stellt gewisse Merkblätter öffentlich zur Verfügung. Viele FH haben psychologische Beratungstelefone, wo Gratishilfe in Anspruch genommen werden kann.

Gewisse Studierende sind durch die Coronakrise finanziell in eine Notlage geraten. Einige FH bieten deshalb Unterstützung an. Die Stiftung der Fachhochschule Nordwestschweiz hat einen Härtefonds für Studierende in Notlagen auf die Beine gestellt. Die HES-SO hat ein Nothilfesystem mit einem Umfang von 1,7 Millionen Franken zur Unterstützung von Studierenden eingerichtet, die finanziell von der Pandemie betroffen sind.


Wie geht es weiter?
Fast alle FH verzichten für das ganze Frühlingssemester auf Präsenzunterricht. In Ausnahmefällen findet der Unterricht in Kleingruppen unter Berücksichtigung der Schutzmassnahmen statt. Wie das nächste Semester aussehen wird, steht noch in den Sternen. Ein Bedürfnis bleibt: Kontakte und persönlicher Austausch wieder einzuführen. Sowohl praktische Arbeiten als auch die Beziehungspflege zeichnen die FH aus. Gleichzeitig sind die Fachhochschulen in der Digitalisierung einen grossen Schritt weitergekommen. «Das Virus hat vielen von uns die Augen geöffnet für das wahre Potenzial neuer Technologien in der Hochschullehre», so Wiebke Twisselmann, Vizerektorin Lehre der BFH. Technologische Hilfsmittel sowie die eine oder andere neu akquirierte Unterrichtsform werden sich bestimmt durchsetzen und nach der Krise den Unterricht bereichern. Die Rolle der FH geht aber über die Lehrtätigkeit hinaus: «Da wir unser Angebot an den spezifischen Anforderungen des Arbeitsmarkts sowie zahlreicher Fachbereiche ausrichten, sind wir uns unserer Verantwortung und unserer Rolle beim Wiederhochfahren von Wirtschaft und Gesellschaft bewusst», so Franco Gervasoni, Direktor der SUPSI.

 

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Magazin INLINE Mai 2020 erschienen.

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