Vom Lehrling zum Professor


Guy Studer FH SCHWEIZ24.08.2020

Pascal Schleuniger (39) hat mit einer Elektronierlehre begonnen und ist heute Professor an der FHNW in Windisch. Dass er nicht in der Privatwirtschaft geblieben ist, hat vor allem mit der Finanzkrise zu tun – und wohl auch mit seiner grossen Faszination und Neugier.

Das Bild des Professors als älterer, gesetzter Herr mit langem, grauem Bart und dicken Brillengläsern gehört schon länger in die Erinnerungskiste. Niemand  verkörpert diese Tatsache besser als Pascal Schleuniger. Mit seinen 39 Jahren strahlt er die Jugendhaftigkeit und Unbekümmertheit eines 25-Jährigen aus. Dabei hat er nebst seiner Lehre ein FH-Studium, Berufserfahrung in der Industrie sowie auch einen PHD in Dänemark absolviert und lehrt, forscht und entwickelt bereits seit 2015 an der FHNW Technik. Er ist hier Professor und Dozent für Analogtechnik und Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV).


Er schildert seinen Lebensweg, während er in einem Zimmer im Campus der FHNW in Windisch sitzt, in dem es von Elektrogeräten, Kabeln und technischen Anlagen wimmelt: «Ich habe eine Lehre als Elektroniker bei der ABB gemacht in der Hoffnung, einmal einen Fernseher bauen zu können.» Mit seinem Vorhaben ignorierte er alle, die ihn lieber an die Kanti schicken wollten. «Dabei machten viele gute Schüler in meinem Umfeld damals die Lehre, das war ganz normal.» Jedenfalls liess er sich kaum von anderen beeinflussen. Seine Faszination galt von Beginn weg der Elektronik, auch wenn sein Werdegang später eine andere Abzweigung hätte nehmen sollen, als sie dann tat.


Doch zunächst ging es zum Studium in Elektrotechnik an die damalige FH Aargau, denn die Berufsaussichten als Elektroniker waren für ihn doch eher begrenzt und die Berufsmatura hatte er auch in der Tasche. An die erste Studienzeit erinnert er sich gerne: «Wir haben praktisch an der FH gelebt. Es war eine sehr spannende Zeit», blickt er zurück. Und sie ermöglichte ihm auch ein Auslandsemester in Dänemark. Skandinavien hatte es ihm angetan, seit er mit der ABB während der Lehre bereits Schweden besucht hatte. «Ich mag die nordische Mentalität, die Menschen, die Natur und das Klima.» Eine auf den ersten Blick passende Aussage. Auch Pascal Schleuniger erinnert mit seiner ruhigen und doch selbstbewussten Art an die nordische Coolness.


Finanzkrise änderte Pläne abrupt

Nach dem Studium arbeitete er drei Jahre bei der damaligen Firma Schmid Telecom, wo er Hardware für die Flugsicherung entwickelte. «Ich war im Entwicklungsteam der Einzige mit FH-Ausbildung unter ETH-Abgängern.» Um sein theoretisches Hintergrundwissen zu vergrössern, entschied sich Pascal Schleuniger deshalb, ein Masterstudium in Angriff zu nehmen. Doch eine Schweizer Hochschule sollte es diesmal nicht sein. «Ich wollte ins Ausland.» Und zwei weitere triftige Gründe sprachen für Dänemark beziehungsweise die Dänische Technische Universität (DTU): In Kopenhagen gab es eine Entwicklungsabteilung von Nokia, «das fand ich als Aussicht extrem spannend». Und: «Meine damalige Freundin kam von dort.»


Doch statt zu einer Karriere als Elektroingenieur bei Nokia kam es dann eben ganz anders: «Die Finanzkrise brach aus und auf einen Schlag standen in Dänemark 1500 Elektroingenieure auf der Strasse», erzählt Schleuniger. Er musste sich nach einer Alternative umsehen. «Ich beschloss, trotzdem in Dänemark zu bleiben.» An der DTU bot sich ihm die Möglichkeit, einen PHD zu absolvieren. Ein Angebot, das er dankend annahm, schliesslich war sein Wissensdurst an der Materie noch nicht gestillt. Und so schlug Schleuniger schliesslich den wissenschaftlichen Weg ein, doktorierte in Dänemark und arbeitete danach als Postdoc an europäischen Forschungsprojekten. 2015 kehrte er in die Schweiz zurück, wo er bei seiner Alma Mater, die inzwischen zur FHNW gehörte, seine heutige Stelle antrat.

Rare Spezies unter den FH-Dozenten

«Dass ich nicht in der Privatwirtschaft arbeite, liegt wohl schlicht und einfach an der Finanzkrise», sagt Schleuniger. «Reiner Zufall.» Er hat sich gut damit arrangiert. «Dafür konnte ich mich tiefer in die Theorie einarbeiten und kann jetzt meine Kreativität in Forschungsprojekte einbringen.» Was für seinen Werdegang eben untypisch ist. «Damals hiess es nach dem FH-Bachelor: ‹So, und nun ab in die Industrie.›» Heute ist der Anteil an Bachelor-Absolventen, die auch einen Master machen, höher als damals. Allerdings kehren nicht sehr viele davon später wieder in den Lehrkörper der Fachhochschulen zurück. Damit ist Pascal Schleuniger mit seinem dualen Bildungshintergrund als Dozent eher die Ausnahme. Und unter FH-Dozierenden mit Führungsverantwortung – Schleuniger ist zusätzlich auch stellvertretender Institutsleiter am Institut für Automation der FHNW – ist er gar eine richtig rare Spezies. Hier haben nicht einmal zehn Prozent einen FH-Abschluss. Dass die Quote an FH-Abgängern im sogenannten Mittelbau an Fachhochschulen eher tief ist, sorgt auch in der Bildungslandschaft für Diskussionen (siehe Box).
Für Pascal Schleuniger selber ist das natürlich nicht weiter von Bedeutung. Doch sein Hintergrund und seine Praxiserfahrung fliessen selbstredend stark in seine Lehrtätigkeit mit ein: «Ich habe ja in der Flugsicherung gearbeitet, und in diesem Bereich muss eine Lösung in der Anwendung bestehen, also auch unter Belastung stets zuverlässig funktionieren.» Das gelte natürlich ganz allgemein in seinem Fach. «Hier können wir nicht einfach ein Gerät basteln, das im Labor funktioniert – es muss auch den Praxistest bestehen. Diesen Gedanken versuche ich zu vermitteln.»


Wenn er heute über die Ausbildung zum Elektroniker nachdenkt, fällt ihm nur Positives ein. «Ich kann die Lehre auf jeden Fall empfehlen.» Verglichen mit früher sei heute der Zugang zur Elektronik nochmals einiges leichter. «Es gibt für wenige Franken Entwicklungskits und im Internet kann jeder mit kostenlosen Tools schon sehr viel lernen, entwickeln und ausprobieren.» Betreffend Nachwuchs würde es daran kaum scheitern. «Ausserdem lernen die meisten so wohl einiges effizienter als über das Büffeln reiner Theorie.»
Hier setzt auch sein Leitgedanke an, wenn er an der Fachhochschule Nachwuchsingenieure ausbildet. Die Studierenden sollen möglichst rasch an die Materie herangehen können und keine Scheu davor haben. «Ich möchte ihnen das Hands-on vermitteln. Sie sollen etwas ausprobieren können, abschätzen, ob es funktioniert – einfach machen, das Theoretische verifizieren und praktische Erfahrungen sammeln.» Denn das Schöne an der Elektronik sei, dass bei einem Versuch meist nicht viel schief gehen könne, «es entsteht höchstens ein Räuchlein».


Eishockey zum Ausgleich

Etwas gefährlicher geht es da bei einer anderen Leidenschaft von Pascal Schleuniger zu und her. Wenn er nicht gerade lehrt, forscht oder entwickelt, schnürt er die Schlittschuhe und läuft auf dem Eis dem Puck hinterher. Er trainiert einmal wöchentlich mit den Full Flash Rangers in Wohlen. «Mir gefällt nebst dem Sport vor allem der kollegiale Zusammenhalt im Team.» Einige Verletzungen hat er sich in der Vergangenheit dabei zugezogen, «doch die wildesten Jahre sind mittlerweile vorbei.» Was wohl auch besser ist, schliesslich ist er auch dreifacher Familienvater, was doch gewisse Pflichten mit sich bringt. Deutlich ruhiger geht es bei seiner anderen Freizeitbeschäftigung, dem Segeln zu und her. Allerdings gilt der Aargau nicht gerade als Segelmekka. Auf die Frage, wo er denn in See sticht, antwortet er verschmitzt: «In Dänemark.» Wo denn sonst?


Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Magazin INLINE August 2020 erschienen.

«Das ändert Charakter und Qualität einer Institution»

Der Verband FH SCHWEIZ ist überzeugt, dass die Fachhochschulen attraktive Arbeitgeber sind und die Anstellung von FH-Absolventinnen und -Absolventen gerade auch im Rahmen des «FH-Profils» zum bildungspolitischen Auftrag zählt. Allerdings haben gemäss Bundesamt für Statistik nicht einmal zehn Prozent der Dozierenden mit Führungsverantwortung FH-Abschlüsse. Von den über 5500 assistierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden an Fachhochschulen weisen 45 Prozent einen FH-Abschluss aus und auf Direktionsstufe sind diese mit nur 13 Prozent vertreten. Gesamthaft hat von den 23000 Mitarbeitenden an Schweizer Fachhochschulen nur ein Viertel FH-Hintergründe.
Werner Inderbitzin war Gründungsrektor der ZHAW. Er findet es grundsätzlich nicht falsch, dass Professuren und Dozentenstellen an Fachhochschulen auch mit Abgängern von Universitäten besetzt werden. «Aus der Sicht eines ehemaligen Rektors wäre mir Diversität ein Anliegen. Es ist wichtig, dass man für verschiedene Fachrichtungen und Aufgaben auch verschiedene Hintergründe rekrutiert», sagt er auf Anfrage. In diesem Sinne würde er sich hingegen auch wünschen, dass mehr Dozierende mit FH-Hintergrund angestellt würden. «Nimmt die Anzahl der universitär sozialisierten Dozierenden zu, ändert das den Charakter und die Qualität einer Institution im Sinne der Art und Weise, wie man lehrt und forscht.»


Uni-Abgänger suchen häufiger Weg an die FH
Fähige Leute mit dualer Ausbildung und FH-Hintergrund sowie mit Praxisrucksack aus der Wirtschaft an die Fachhochschulen zu holen, sei allerdings schwierig, wie Inderbitzin weiss. «Solche Leute stehen nicht Schlange, es ist eine grosse Herausforderung, sie für eine Dozierendenstelle zu motivieren.» Es sei eine Tatsache, dass heute universitär ausgebildete Menschen oft den Weg an eine Fachhochschule suchten. Ihnen sei eine solche Laufbahn auch näher. «Für FH-Absolvierende ist der Weg zurück an die Fachhochschule eigentlich auch nicht vorgesehen, sondern es steht eine berufliche Laufbahn in der Praxis im Vordergrund.» Ein anderer, wenn auch nicht entscheidender Aspekt ist das Salär. Je nach Fachbereich ist eine gute Stelle in der Wirtschaft deutlich lukrativer. Dazu kommt die Konkurrenzsituation unter den Hochschulen, einerseits unter den Fachhochschulen, aber auch zwischen FHs und Universitäten. Quoten für FH-Absolventen wären für Inderbitzin jedoch der falsche Weg. «Entscheidend muss die Qualität der Bewerbungen sein.»


Alternative Wege zu mehr FH-Profil?
Einer, der die Innensicht als Mitarbeiter einer Fachhochschule kennt, ist Dario Wellinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Graubünden. Für ihn hat der Job viele Vorteile: «Er ist abwechslungsreich und vielfältig, gerade auch durch den vierfachen Leistungsauftrag mit Lehre, Forschung, Beratung und Dienstleistung sowie Weiterbildung.» Wellinger, der auch bei FH SCHWEIZ im Vorstand das Ressort Bildungspolitik vertritt, schätzt zudem die Möglichkeiten, sich innerhalb der Fachbereiche einer FH zu entfalten und weiterzuentwickeln. «Die Arbeit hier ist auf jeden Fall sinnstiftend.»
Was die Gründe betrifft, warum nicht mehr FH-Absolventen bei ihren früheren Ausbildungsstätten beruflich engagiert sind, meint Wellinger: «Zum einen ist das historisch gewachsen. Schon die früheren HWV oder ‹Abendtechs› haben auf universitär gebildete Dozenten zurückgegriffen.» Mit der Etablierung des Forschungsbereichs an späteren FHs habe sich zudem die Ansicht verbreitet, dass dafür ein Uni-Hintergrund nötig sei. «Das ist an sich nicht falsch. Aber während man an der Uni den klaren eigenständigen Karriereentwicklungspfad kennt, ist dies an der FH leider nicht der Fall.» Der Zugang zum Doktorat an der Uni ist für FH-Absolventen noch immer mit hohen Hürden versehen. «Alternativ winkt entweder der steinige Weg via Kooperationsmodelle oder Ausland. Oder es heisst eben: ‹Du brauchst Berufserfahrung.› Diese Leute kommen aber nur selten wieder zurück.»  Ob ein dritter Zyklus, also ein eigenständiger PHD für Fachhochschulen, das Mittel ist, lässt Wellinger offen. Politisch dürfte das in nächster Zeit schwierig sein. Deshalb würde er begrüssen, wenn es noch weitere Wege gäbe, um den eigenen Nachwuchs zu fördern und FH-Dozierende gemäss dem FH-Profil auszubilden. «Sonst ist es schwierig, längerfristig dem Anspruch der angewandten Forschung gerecht zu werden.»

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