Vom Hörgerät zum Statement


Sophie Willener (1) | Studentin | Hochschule Luzern - Design und Kunst18.08.2020

Körperliche Beeinträchtigungen und Besonderheiten zu verstecken war früher der Normalfall. Heutzutage werden Unterschiede zwischen Menschen offen diskutiert und mit weniger Scham gezeigt.

„Do you see me hearing you?“

In meinem Studium XS Schmuck an der Hochschule Luzern, Design und Kunst, habe ich mich in meinen Projekten immer auf irgendeine Art und Weise mit Beeinträchtigung auseinandergesetzt. Mich interessieren Objekte, welche den Körper nicht nur schmücken, sondern mit dem Körper interagieren und auch einer Beeinträchtigung zugutekommen können.
Das Hörgerät ist für mich ein faszinierendes Objekt, welches mit dem Körper interagiert und dem Körper eine Hilfestellung erbringt. Im 19. Jahrhundert hat man mit vielfältigen Formen von Hörhilfen den Körper sogar geschmückt. Heutzutage fallen diese jedoch kaum mehr auf und trotzdem gibt es für diese so einen grossen Markt. Wenn man sich Werbebotschaften von Hörgeräten anschaut, wird damit geworben, dass diese immer kleiner und unsichtbarer werden.

Das Stigma, welches den Hörverlustes umgibt – und der Versuch der Industrie, das entsprechende Hilfsmittel so unsichtbar wie möglich zu machen, macht für mich keinen Sinn, da es zum Beispiel beim Tragen einer Brille oder Verwenden eines anderen Hilfsmittels keine vergleichbare Wertung gibt. Liegt es daran, dass der Hörverlust in dem Sinne nicht sichtbar ist, sodass sein Vorhandensein nicht offensichtlich ist? Ich habe mir die Frage gestellt, wieso wir den Hörverlust nicht sichtbar machen, durch auffälligeres Design, welches für den oder die Träger*in eine Bedeutung oder eine Repräsentation darstellt. Meiner Meinung nach sollte jeder, der mit einem Hörverlust konfrontiert ist, die Entscheidung haben, ob man seinen Hörverlust offen zeigt oder versteckt.


Projektidee


In meiner Bachelorarbeit habe ich als Produktstudie ein „visuell lauteres“ Hörgerät entworfen, mit dem Ziel, dieses Produkt wieder sichtbarer zu machen. Ich versuchte mich dabei von der historischen Entwicklung des Hörgerätes sowie auch von der heutigen Zeit inspirieren zu lassen. Durch meine schriftliche Arbeit (in welcher ich über die historische Entwicklung des Hörgerätes geschrieben habe) habe ich erfahren, dass Hörhilfen zeitweise ein Accessoire und nicht nur ein Hilfsmittel waren. 

Das Hörgerät könnte heutzutage zu einem Statement-Piece werden, indem diese Ansätze wieder aufgenommen werden oder man die Grenze zwischen Kopfhörer und dem Hörgerät fliessender gestalten würde.

Diese Ansätze habe ich versucht in dieser Arbeit umzusetzen. Die Idee war es, ein modulares System zu entwickeln, welches aus einem Hauptelement, dem technischen Part, und diversen Add-Ons besteht. Durch die Add-Ons wird aus dem Hörgerät Hörschmuck für selbstbewusste Träger - ein Statement-Piece.


Umsetzung


Mein gestalterisches Vorgehen sah ich als eine Untersuchung im Design, das Hörgerät als Instrument zu nutzen, um die Aufmerksamkeit auf das Ohr und den Hörverlust zu lenken.
In den ersten Skizzen habe ich versucht neue Möglichkeiten zu finden, wie man ein Hörgerät an den Körper bringen kann.

Für das Hauptelement habe ich mich dann entschieden, mich von den Hörtrichtern aus dem 19. Jahrhundert inspirieren zu lassen. Das Hauptmodul sollte durch eine runde Form präsent in der Ohrmuschel sitzen. Die heutigen Hörgeräte sitzen meist hinter dem Ohr oder direkt in der Ohrmuschel, sodass man diese gar nicht sieht. Ich wollte jedoch das Hörgerät sichtbar machen und fand die Ohrmuschel einen geeigneten Ort, um das Hörgerät zu zeigen.
Gegen aussen symbolisiert das Hauptelement mit seiner runden Öffnung ein offenes Ohr und zeigt „ich höre“.

Die Idee dieses Elementes war, dass das Hörgerät schon an sich als Schmuckobjekt funktionieren kann. Deshalb habe ich mich für Metall als Material für den Trichter entschieden. Der Trichter wird dabei hohl sein, denn im Trichter soll die Technik eingebaut werden.
Um das Hörgerät zu personalisieren, habe ich drei Personas erstellt, für diese ich Schmuck-Add-Ons gestaltet habe:

Modula lescenda: Modula lescenda trägt man im Alltag, sowie auch an Veranstaltungen. Damit kann man sich überall sehen und hören lassen. Hörgerät, Ohrringe und Kette in einem verbunden. Gleichzeitig fungiert die Kette als Aufhängevorrichtung, wenn man mal seine Ruhe braucht.

Modula escenda: Modula escenda trägt man als Eye-catcher am Ohr und strahlt damit „ich höre“ aus. Modula escenda zieht mit seiner Asymetrie den Blick aufs Ohr. Das Kreiselement gibt es in verschiedenen Variationen, welche mit dem Ohr interagieren.

Modula descenda: Modula descenda befestigt man an einem Jacket, damit man an seinen Besprechungen stylish aussieht und gut hört. Mit Modula descenda ist das Gehör im Mittelpunkt. Durch die goldenen Verbindungselemente wirkt Modula descena edel, das Verbindungsglied bricht dies jedoch durch und gibt einen technischen Touch.

Diese Arbeit zum Thema Höroptimierung zu gestalten hat mich in meiner Designperspektive um einiges weiter gebracht und ich hoffe dass meine Ideen in der Praxis einen Widerhall finden oder sogar zu neuen Produkten führen.


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