Psychotherapie – Berufsstand anerkennen und Zugangshürden abschaffen


Michèle Andermatt SBAP | 30.11.2018

Mit klingelnden Weckern haben am Freitag 16. November Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Bundesrat Berset aufgefordert, die Diskriminierung ihres Berufsstandes zu beenden. Sie überbrachten dem Gesundheitsminister 3658 Briefe ihrer Kolleginnen und Kollegen. Darin legen sie – belegt mit Ausbildungsnachweisen – ihre Qualifikation zur selbständigen Ausübung ihres Berufes dar. In der Realität der Grundversicherung werden sie jedoch weiterhin wie Hilfspersonal behandelt. Nun haben PsychologInnen eine Petition lanciert.

PsychologInnen haben einen Master absolviert, PsychotherapeutInnen noch dazu eine Weiterbildung von mindestens vier Jahren mit Berufspraxis. Dementsprechend sollte die Ausübung der Psychotherapie in eigener fachlicher Verantwortung für PsychotherapeutInnen eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber nicht.

Gleichzeitig müssen Hilfe-Suchenden in vielen Regionen monatelang auf einen Therapieplatz bei einem Psychiater warten. Einerseits, weil diese Menschen eine Therapie nicht selber bezahlen können und auf die Kostenübernahme der Krankenkasse angewiesen sind. Andererseits, weil es nicht genug Psychiater gibt. Eine Situation, welche sich durch die vielen anstehenden Pensionierungen zuspitzen wird.

 

Die Grundversicherung bezahlt heute die Psychotherapie durch spezialisierte PsychologInnen (PsychotherapeutInnen) nur, wenn die Therapie unter Aufsicht und in Verantwortung von spezialisierten ÄrztInnen (Psychiater) in deren Räumlichkeiten durchgeführt wird – das ist das Delegationsmodell. Eine akademische Gruppe wird damit technischem Hilfspersonal gleichgestellt, obwohl sie bezüglich ihrer psychotherapeutischen Qualifikationen und Leistungen ihren delegierenden medizinischen Fachpersonen ebenbürtig sind. Eidgenössisch anerkannte PsychotherapeutInnen sind vom Psychologieberufegesetz her ermächtigt, die Psychotherapie in eigener fachlicher Verantwortung auszuüben. Dies sollte in der Praxis endlich anerkannt werden.

 

Ausserdem weist unser Gesundheitssystem hohe Zugangshürden für psychisch erkrankte Personen auf, in bestimmten Bereichen, wie bei Kinder und Jugendliche, existiert eine massive Fehl- und Unterversorgung. Das heutige System schafft grosse Hürden im Zugang zur Versorgung für psychisch Kranke. Dies führt zu langen Wartefristen. Das ist für den Krankheitsverlauf fatal.

 

Der Schweizer Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP) ist überzeugt, dass durch ein Systemwechsel diese Missstände behoben werden können. Auch psychologische Psychotherapie muss von der Grundversicherung übernommen werden, wenn sie auf ärztliche Anordnung durchgeführt wird. Gemäss dem geforderten Anordnungsmodell müssen ÄrztInnen eine Psychotherapie anordnen. PsychologInnen mit einem Weiterbildungstitel in Psychotherapie erbringen die Leistung in der Folge selbständig und in eigener Verantwortung und rechnen die Leistungen mit der Grundversicherung direkt ab. Der rechtzeitige Zugang zur Versorgung ist hiermit sichergestellt.

 

Jetzt aktiv werden

Genau das wird in der Petition gefordert: Hürden abbauen – Behandlung psychischer Krankheiten sicherstellen!

Bis Ende Februar 2019 wird der SBAP Unterschriften sammeln. Mitmachen und unterschreiben!

 

Zum Interview auf TeleBärn mit Vorstandsmitglied Csilla Kenessey-Landös.

Über die Petition

Die Petition wurde gemeinsam mit folgenden Verbände und Organisationen lanciert: Föderation des Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), Pro Mente Sana, Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP), SPO Patientenschutz, Dachverband Schweizerischer Patientenstellen, Haus- und Kinderärzte Schweiz. Auch Haus- und Kinderärzte unterstützen den Systemwechseln zum Anordnungsmodell, weil sie die Probleme und Versorgungslücken des aktuellen Systems täglich miterleben.

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