«Das hat auch Spuren hinterlassen»


Guy Studer FH SCHWEIZ | 19.02.2019

Während 25 Jahren als Leiter eines Asylzentrums hat Markus Laib viel erlebt. Seinen reichen Erfahrungsschatz kann er nun in der kantonalen Verwaltung einbringen.

Das Gespräch mit Markus Laib über seinen Arbeitsplatz ist ein Rückblick auf eine bewegte Zeit. «Ich war mittendrin, hatte das Büro stets vis-à-vis von Bewohnern, habe jede Krise mitbekommen.» Aber auch die schönen Seiten: «Mit Familien und Kindern aus verschiedenen Kulturen war es auch immer lebendig.» Ausserdem hat Laib in dieser Zeit rund 40 FH-Studierende in ihrer Praxisausbildung begleitet.

Intensiv und dynamisch – Laib wählt meist positive Worte für seine Arbeit im Asylzentrum Thurhof im Kanton St. Gallen. Aber natürlich sei er auch an Grenzen gestossen. «Burnout-Prophylaxe war sowohl bei mir als auch bei Mitarbeitenden ein ständiges Thema. Ich habe einige Burnouts von Mitarbeitenden erlebt.» Der Arbeitsplatz verfolgte auch ihn oft nach Hause. «Das kann man nicht immer einfach abstellen.» Gerade als Zentrumsleiter habe man eine hohe Bereitschaft, bei Krisen zu rennen. «Da kann ich nicht sagen: Jetzt habe ich Feierabend, das geht mich nichts mehr an.» Das galt sowohl für Krisen bei Bewohnern als auch wenn Mitarbeitende litten, betont Laib.

Persönliche Schicksale hat Laib so manche erlebt. «Als einmal in den Nachrichten über ein gesunkenes Flüchtlingsschiff berichtet wurde, sass neben mir ein Bewohner, der einen Angehörigen verloren hatte. Plötzlich erlebt man ein solches Drama hautnah, das lässt einen nicht kalt.» Ein Anliegen war ihm überdies immer das Wohl der Kinder: «Sie haben diesen Weg nicht selber gewählt. Deshalb galt immer die Frage: Wie kann man ihnen helfen, sie unterstützen?»

 

Ausgleich mit Gartenarbeit, Sport und Yoga

Beruflich stand Markus Laib stets vor der grossen Herausforderung, mit den unberechenbaren Zuströmen im Asylbereich umzugehen. Zu den Spitzenzeiten vor rund drei Jahren musste er sein Team innert weniger Monate personell verdoppeln. «Hier eine qualitativ hochwertige Leistung zu erbringen, ist eine Herausforderung.»

Laib erzählt meist mit einem Lächeln. Im Rückblick war diese Zeit intensiv, aber auch spannend und erfüllend. Sie erforderte aber auch einen Ausgleich im Privatleben, die Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen, ohne dass sich die Familie zu Hause ebenfalls damit herumschlagen musste. «Es gibt letztlich viele Möglichkeiten, den Fokus zu wechseln», sagt der Stiefvater von zwei erwachsenen Söhnen. Er findet sie bis heute im Sport, in der Gartenarbeit sowie im Yoga.

 

Den Fokus gewechselt hat er vor bald zwei Jahren auch beruflich. Seit Frühling 2017 ist er stellvertretender Leiter der Abteilung Asyl der kantonalen Verwaltung. War es Zeit, einen Gang zurückzuschalten? «Die 25 Jahre im Zentrum haben Spuren hinterlassen», gibt Laib unumwunden zu. «Aber der Hauptgrund war, dass ich etwas grundlegender gestalten wollte und die entsprechende Möglichkeit bekam. Und wenn ich beruflich nochmals eine Veränderung anstrebte, dann war es höchste Zeit», so der 56-Jährige. Sein heutiger Arbeitsplatz ist ein Einzelbüro im kantonalen Migrationsamt in St. Gallen, wo das Gespräch auch stattfindet. Zimmerpflanzen und Kunstwerke sorgen für Atmosphäre, nur ein geschnitzter Holzkopf, Resultat eines Kunstprojekts mit Asylsuchenden, erinnert noch an früher. «Ich erlebe hier nicht mehr so viel direkte Betroffenheit.» Das sei auch ein Teil, der manchmal fehle. Die Dynamik. «Dafür kann ich nun Konzepte für den Asylbereich ausarbeiten, sinnvolle Lösungen für komplexe Aufgaben finden. Ich habe Gestaltungsfreiheit und konnte bereits durch meine langjährige Erfahrung gewisse Dinge verändern», sagt er zufrieden. Indirekt kann er so mehr bewirken als vorher.  Auch wenn er erst noch alle Kanäle der kantonalen Verwaltung erschliessen müsse. «Vorher hatte ich mein Haus, mein Team, mein Budget. Hier sind die Entscheidungswege länger, es herrschen andere Spielregeln.» Markus Laib sagt das mit der Gelassenheit des Lebenserfahrenen. Ihn bringt nichts so schnell aus der Ruhe.

 

Professionalität in der Führung

Andere Spielregeln herrschten auch damals, als Laib in den Beruf einstieg. «Ich war quasi ein Quereinsteiger, als ich die Leitung eines Asylzentrums 1992 übernahm. Ich wurde eingestellt, obwohl ich ausgebildeter Sozialarbeiter war und keine Militärkarriere gemacht hatte. Das war beim damaligen Vorgesetzten eher unüblich.» Warum Asylbereich? War es das Helfersyndrom? «Nein», lautet die Antwort. «In erster Linie hat mich das Führen einer Institution gereizt und ich wollte mehr Professionalität und Strukturen in den Asylbereich bringen.»

Und gerade bei Führungsaufgaben ist Professionalität besonders zentral, weiss Laib inzwischen aus Erfahrung. Auch deshalb hat er Anfang der Nullerjahre ein Nachdiplomstu­di­um in Management von Non-Profit-Organisationen (heute MAS) an der FHS St. Gallen absolviert. «Trotz einiger Führungskurse hatte ich bemerkt, dass ich in Sachen Ausbildung eigentlich meiner Tätigkeit hinterherhinkte.» So gesehen sei die FH-Weiterbildung sehr wertvoll gewesen.

 

Allgemein sei die Ausbildung heute methodischer und fachlich auf einem anderen Level als früher. «Dafür sind die Auszubildenden teilweise noch sehr jung.» Ein Punkt, den Laib teilweise auch hinterfragt. «Ich hatte mitunter Studierende bei mir in der Praxisausbildung, die kaum 20 Jahre alt waren. Die Landung in der Realität kann dann schon recht hart sein.» Allgemein etwas Lebenserfahrung zu sammeln, bevor man die Ausbildung beginnt, könne nicht schaden, findet Laib. «Ich war damals mit 23 Jahren mit Abstand bei den Jüngsten, heute wäre das eher umgekehrt.» Entscheidend aber bleibe für jeden die Auseinandersetzung mit sich selbst und die Frage: «Wie gehe ich mit gewissen Situationen um?» Markus Laib lässt immer wieder durchblicken, wie gerne er auch junge Menschen an das Thema heranführt, Diskussionen anstösst. Dass er gerne mit Menschen arbeitet, wird wohl bleiben.

 

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Magazin INLINE vom Februar 2019 erschienen.

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